Wintersonnenwende

Nachdem ich meine Freitagsdepression durch den ausschweifenden Konsum von Schoko-umhüllten Oreos, dem seit Wochen die halbe Kühlbox blockierenden letzten halben Liter Rotwein im Tetrapack und vier Folgen Arrow am Stück überwunden hatte, ging es Samstag Morgen wieder in den Ankerkasten. Mein ursprünglicher Gedanke, den Winchmotor aus Platzgründen quer einzubauen,

Paßt zwar gut, man kommt auch prima an die Kabel, aber dabei würde die Kette über das Gehäuse schleifen. Doofe Idee…

wurde nach einem testweisen Einbau gleich wieder verworfen, da in dem Fall die ein- und auslaufende Kette wohl früher oder später das Gehäuse zernagen würde. Also doch längs…

Das erforderte den erneuten Einsatz der Säge, um das Längsschott im Ankerkasten  um ein weiteres Stück auszudünnen, um dann nach Anschluß der Kabel auch noch den mitgelieferten wasserdichten „Plastikeimer“ über den Motor stülpen und anschrauben zu können.

Dummerweise war seit 8h30 wieder mal auf dem gesamten Gelände der Strom weg. Statt mit Multimaster und Stichsäge, ging es also mit der Japansäge zur Sache. Den unteren Schnitt habe ich noch selber gemacht, aber da Simon nur untätig im Ankerkasten gegenüber rumsaß und interessiert zusah, wie ich mir einen abschwitzte, habe ich ihn anschließend den oberen Schnitt sägen lassen, schließlich bezahle ich ihn für sowas. 🙂

Abgesehen davon, daß er den Schnitt ein wenig zu weit nach oben gerichtet hatte, lief das auch ganz gut, nachdem er nach diversen Erklärungsversuchen irgendwann begriffen hatte, daß das eine Zugsäge ist (und ich das Sägeblatt zweimal wieder zurecht gebogen…)

Ja, ich weiß, daß das doch auch ohne nochmaliges aussägen gepaßt hätte. Da gehört aber noch eine Kunststoffabdeckung draufgestülpt und verschraubt, die man ansonsten nicht drauf oder ab kriegt.

Erfolgserlebnis des Tages: Die Ankerwinde sitzt an ihrem Platz, die Kette sollte kein Problem dabei haben, ungehindert in den richtigen (backbord-seitigen) Ankerkasten zu fallen und theoretisch hätte ich das Ding am Samstag nachmittag sogar noch anschließen können, nachdem Simon Feierabend gemacht hatte. Wenn denn nicht leider meine extra für die Batterien und die Ankerwinde mitgebrachten 50mm²-Kabel knapp zu dick für die Kabeleinführung in die Winde gewesen wären. :wall:

Hätte man natürlich auch vorher mal testen können, klar. Mir fiel das in dem Moment auf, nachdem ich drei 16er Löcher in das Schott vor meiner Kabine gebohrt hatte, die Kabel durchsteckte und dann an der Winde scheiterte.

Dann halt nicht. Ist ja nur ein halber Meter vom Relais bis zur Winde, da werden dann eben 35mm²-Kabel genügen müssen. Die ich (natürlich) nicht hatte und, logisch, am Samstag Nachmittag auch nicht mehr aufzutreiben waren. Ebensowenig, wie passende Kabelschuhe dafür. Also habe ich die ganze Sache auf Montag vertagt und einfach ebenfalls Feierabend gemacht. Zwei meiner Akkuschrauber-Akkus waren eh leer, der dritte so gut wie, und da der Strom immer noch nicht wieder da war, war’s dann auch gut.

Ich hatte mir gerade einen Feierabend-Kaffee gemacht und mich mit ein paar Keksen ins Cockpit verholt, als mich jemand von unten ansprach: „Hi, Du sprichst doch Deutsch, oder?“

Das waren Sebastian und Jaqueline. Er seit sechs Jahren unterwegs auf der Axiom, und sie ist Anfang letzten Jahres als Backpackerin bei ihm an Bord gegangen. An dem Boot war ich zwar auf dem Weg zu Jaques oder Morgan schon ein paar Mal vorbeigegangen, (steht hier ja auch schon seit einer ganzen Weile :oops:) und hatte die beiden natürlich auch schon mal gesehen, aber wenn man hier so übers Gelände schlendert, spricht man die Leute, denen man begegnet, ja nicht unbedingt auf deutsch an.  Geht schon komisch zu hier. Erst bin ich hier monatelang gefühlt der einzige Deutsche, und treffe dann drei weitere innerhalb von einer Woche.

Nu ja. Auch die beiden sind mitten im Refit ihres Bootes und werden wohl noch eine Weile hier sein.

Samstag Abend ist dann prompt das eingetreten, was ich nach dem Ausfall der Bluetooth-Funktion meines Batteriemanagements befürchtet hatte: Seit ein paar Wochen mache ich hier sowas wie einen Dauertest, wie lange ich ohne Nachzuladen mit meinem Akkupack und der einsamen 330Wp-Solarzelle auskomme.

Das letzte Mal hatte ich die Ladegeräte vorletzten Samstag drangehabt, und da es die Woche über teilweise ziemlich bedeckt gewesen war und das Panel nicht so unheimlich viel gebracht hatte, war ich Nachmittags auf knapp 30% Restkapazität runter.  Normalerweise kein Grund zur Besorgnis; wenn die Kapazität zu weit in die Knie geht, sorgt ein 300A-Relais für die Trennung aller Verbraucher von der Batterie, aber üblicher Weise lasse ich die Ladegeräte ihren Dienst wieder aufnehmen, wenn ich bei 40% angekommen bin, was ich am Freitag allerdings verpaßt hatte und Samstag mangels Landstrom nicht funktionierte.

Wie gesagt, normalerweise…

Samstag abend saß ich dann allerdings ziemlich schlagartig vor einem erlöschenden Bildschirm, und stellte kurz darauf fest, daß sich  soeben nicht das Relais abgeschaltet hatte, sondern der Inverter selbst wegen Unterspannung. Mein Batteriemonitor zeigte noch knapp über 10V an.  Restkapazität: 1%. Die Fehlfunktion des BMS war also ganz offenbar nicht auf die Blutooth-Funktion beschränkt. Elender Mist!

Ich hoffe mal, ich habe bei der Aktion jetzt nicht den Akkupack hingerichtet :motz:Kurzfristig kann man so ein Ding zumindest theoretisch zu 100% entladen, ohne daß es sofort stirbt, geht halt zu Lasten der Lebensdauer. Also habe ich meine 100Ah Reservebatterie, die hier glücklicher Weise voll geladen rumsteht, parallel geschaltet, und den Akku allein damit immerhin über Nacht wieder auf 12.6V geladen gekriegt. Das läßt hoffen, daß die Zellen überlebt haben …

Sonntag morgen schien zwar die Sonne, und das Solarpanel machte seine Arbeit, aber der Landstrom war immer noch weg. Bischen zu lange, um durch Loadshedding erklärt werden zu können und außerdem hatten trotzdem die hier auf dem Gelände rumstehenden Straßenlaternen vor sich hin geleuchtet, nur sämtliche Stromanschlußkästen stellten sich tot.

Nachdem ich mich dann mal mit dem Voltmeter bewaffnet auf die Suche nach einer noch funktionierenden Steckdose gemacht hatte, fand sich tatsächlich noch eine (von vieren!) in einem Verteilerkasten an meinem ehemaligen Stellplatz an der Slipanlage. Da steckte zwar ein Kabel drin, das endete aber in einem Segler, an dem schon seit Monaten niemand mehr gewerkelt hat und der auch nicht bewohnt wird. Der sollte wohl auch ein Wochenende ohne Landstrom auskommen können.

Also, raus damit, meine insgesamt fast 60m Kabel aus dem Motorraum geholt und entwirrt und ein paar Minuten später waren meine Ladegeräte damit beschäftigt, mit 50A den Akku wieder voll zu pumpen. Puhh..

Tja, und warum das Ganze, wo ich doch letzte Woche schon neue Boards für das BMS aus Prag erhalten hatte? Weil diese, genau wie die ursprünglich verbauten, nur ein 6mm-Loch für die Befestigung auf dem Batteriepol haben, die Polschrauben aber M14 sind und ich diese Boards nicht auch soweit aufbohren wollte, auch wenn die Anleitung sagt, das macht gar nichts. In der Anleitung steht allerdings auch, daß man erst die Hochstromverbindung herstellen, und dann die Boards aufsetzen soll, um statische Überladung oder Kurzschlüsse auszuschließen. Das fällt zugegeben ein wenig schwer, wenn beide mit derselben 14er Schraube angezogen werden müssen und war mir schon beim ersten Zusammenbau nicht wirklich sympathisch.

Die Reduzierschrauben, die ich extra für diesen Zweck bestellt hatte, waren entgegen meiner Erwartung allerdings gar nicht in dem gerade angekommenen Paket enthalten gewesen, sondern warten wohl immer noch in Deutschland auf ihren Versand.

Mein erster Versuch am Sonntag, aus den mitgesandten Reserve-Polschrauben irgendwas passendes zu basteln, endete relativ unspektakulär damit, daß ich es mit der Bohrmaschine zwar wider Erwarten geschafft hatte, ein fast mittiges 7mm-Loch in eine M14er Edelstahl-Schraube zu bohren, mein Gewindeschneider sich aber schlicht weigerte, in der Schraube sowas wie ein Gewinde anzufertigen und ich keine passende Bohrergröße mehr besaß, um das Loch noch um einen halben Milimeter aufzubohren. Auch dieses Projekt wurde zwangsweise auf die kommende Woche vertagt. Mit vollen Akkus ist das Risiko ja auch für ein paar Tage überschaubar.

Als sich die Ladegeräte Sonntag abend abschalteten, hatten sie lt. Batteriemonitor fast 440Ah in den LiFeYPo4-Block (und die immer noch parallel angeschlossene 100Ah AGM-Batterie) geblasen und der Monitor zeigte ihn wieder bei 100%. Mal abwarten, ob das nun irgendwie ernsthaft geschadet hat.

Montag führte mich mein erster Weg zu Jaques‘ Garage. Jaques hat eine Drehbank, und auch wenn er die nur selber benutzt und sonst niemanden ranlässt: Eine Stunde nachdem ich ihm zwei weitere meiner Reserveschrauben auf den Tisch gestellt hatte, bekam ich zwei Reduzierschrauben mit M8-Gewinde in einem schicken, zentralen Loch ans Boot gebracht 🙂  Ich mußte nur noch ein paar passende Stehbolzen dafür bauen und schon war das Problem gelöst.

Links mein gescheiterter Versuch vom Sonntag, rechts die gedrehte Variante mit eingesetztem Stehbolzen. Sieht auch gleich viel symmetrischer aus 🙂

Der nächste Weg führte mich zum Shop, um nun endlich ein paar Meter 35mm²-Kabel und eine Handvoll passender Kabelschuhe zu erstehen, um die Ankerwinde verdrahten zu können.

Völlig überraschender Weise hatten sie im Shop weder die Kabelschuhe, noch die Kabel, aber wenigstens könnten sie sie wahrscheinlich halbwegs kurzfristig bis Dienstag Mittag besorgen, hieß es, also sah ich mich genötigt, den Rest-Montag irgendwie anderweitig zu verplempern.

Habe also meine Boards von 6 auf diesmal nur 8mm aufgebohrt, ein paar Kabel umgelötet bzw. neue gebastelt, und mich daran gemacht, den Akkupack zum wiederholten Male umzubauen. Und siehe da: Nun lebt er wieder und gibt seine Befindlichkeit auch wieder brav über Blutooth aus.

Im Ergebnis waren heute Nachmittag alle Zellen nach einem  trüben Wintertag ohne nennenswerten Ertrag aus der Solarzelle nahezu identisch bei 3.32V. Das läßt mich zumindest hoffen, bei der Aktion vom Samstag keine davon dauerhaft geschädigt zu haben.

Da im Anschluß immer noch ein wenig Montag übrig war, habe ich als nächstes mal meine Deckenlampe abgebaut. Das Ding hatte die letzten Tage ein paar seltsame Aussetzer gehabt und sah eigentlich auch schon von außen so aus, als läge ein Geschwader tote Insekten drin rum. Nachdem ich sie dann vor mir auf dem Tisch liegen hatte, stellte sich allerdings raus, daß das Problem wohl eher auf der staubigen Seite angesiedelt war:

Da oben, wo das schwarze durchschimmert, war ich gerade mit dem Staubsauger drüber gegangen…

Dafür, daß gerade mal 1mm Spalt zwischen Lampe und Decke ist, hat sich von der Rumstauberei der vergangenen 10 Monate auf jeden Fall ein beachtlicher Teil in die Lampe verirrt.  Bähh..

Heute morgen waren dann tatsächlich Andries‘ Mannen, bewaffnet mit Schweißgerät, Flex und einem sechs Meter langen 60er VA-Rohr am Boot aufgetaucht, bauten unter dem Nachbarkahn einen provisorischen Tapeziertisch auf und fingen an, an dem Rohr rum zu flexen. Bis heute Nachmittag hatten sie das Ding passend abgelängt und immerhin schon um zwei angeschweißte Rohrbögen und Flachstähle ergänzt. Mit ein bischen Glück könnte das morgen wohl  tatsächlich rohbaufertig sein.

Zum Titelbild:

Der Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende. Ist in der Tat doch ein beträchtliches Stück weiter nördlich, als vor einem halben Jahr.