Himmlische Ruhe

Montag wachte ich aus unerfindlichen Gründen schon gegen sechs Uhr auf, machte mir einen Kaffee, lud die Zeitung runter  und wartete auf den Sonnenaufgang. Der kam dann auch, wie erwartet,  ich ging zum Duschen und kehrte auf dem Rückweg beim ProRadio+Marineshop auf dem Clubgelände ein, um noch ein paar Schrauben für meine Leisten nachzukaufen. Ich war gerade wieder am Boot angekommen und wollte frühstücken, als es ziemlich genau gegen 8 Uhr leise „plöp“ machte und mein Wasserkocher ausging. Ein Blick  auf die 230V-Kontrollleuchte am Sicherungspanel verriet: Kein Landstrom mehr. Passiert hier durchaus öfter am Tag, also kein Grund zur Panik. Meist fliegt der Sicherungsautomat an der Steckersäule, weil irgend jemand ein fehlerhaftes Verlängerungskabel eingesteckt hat oder aus sonstigen profanen Gründen.

Nach 10 Minuten war der Strom immer noch weg, ich hatte immer noch keinen Kaffee und mein Brot ließ sich auch nicht toasten,also machte ich mich leicht fluchend auf den Weg zur Stromsäule, um die Sicherung selbst wieder reinzudrücken. Half allerdings nichts, das sah alles gut aus. Ich machte meinen Frühstückskaffee somit also auf dem Gasherd, ohne mir groß Gedanken zu machen und aß mein Brot halt ungetoastet.

Nach dem Frühstück fuhr ich zum Department of Home Affairs, um nun endlich ein neues ID-Book zu beantragen. Wenn man auf Google-Maps lange genug rumsucht, findet man das tatsächlich, wenn auch mit dem falschen Straßennameneintrag. Wie auch immer, ich kam gegen 9h30 auf dem zu 80% leeren Großparkplatz vorm Gebäude an, ging rein und stand in einem Raum, in dem ungefähr 300 Stühle in Reihen standen. Alle besetzt, weitere ca. 70 Leute standen an den Wändern aufgereiht. 8-O

Da ich überhaupt keinen Plan hatte, wie das Procedere hier wohl vor sich gehen mochte, stellte ich mich an einem der beiden Info-Schalter an und war auch unglaublicherweise nach 2 Minuten an der Reihe. Das Mädel hinterm Tresen hörte sich mein Anliegen an, fragte lediglich, ob ich in Südafrika geboren sei, und händigte mir das Antragsformular aus. „Schalter 5 oder 6“. Da direkt vor ihr und an diversen Wänden Zettel mit dem Aufdruck „Heute keine Bearbeitung von ID-Books und Pässen möglich“ hingen, nahm ich meinen Antrag und machte mich wieder vom Acker. Immerhin: Ich hab das Ding jetzt hier, kann ihn in Ruhe ausfüllen und dann irgendwann einfach abgeben fahren. Lt. Brad dauert es erfahrungsgemäß ein bis anderthalb Jahre, bis man sein ID-Book dann tatsächlich in der Hand halten kann …

Nach einem Abstecher zu Checkers, um das Fleisch für das allmontägliche Braii-Ritual einzukaufen, und zum Werkzeugladen, wo ich vergeblich versuchte 5er Messingdübel zu erstehen da meine damals mitgebrachten verschollen sind, kam ich gegen 11h wieder im Yachtclub an, wo mir prompt Brad über den Weg lief. Der erklärte mir erstmal, daß er seine Jungs nach Hause geschickt habe, weil das gesamte Clubgelände keinen Strom habe und kam dann auch damit rüber, wieso das so war:

So ein Yachtclub liegt naturgemäß meist am Wasser. Wassergrundstücke sind, das ist auch in Südafrika nicht anders, begehrte Immobilien. Man könnte hier Hotels, Restaurants und sonstige Bespaßungsanstalten hinstellen, von denen man als Gemeinde sicher deutlich mehr Steuern abgreifen könnte, als das bei einem Yachtclub mit überwiegend ehrenamtlichen Mitgliedern und relativ geringen Umsätzen/Gewinnen der Fall ist. Und also begab es sich, daß sich der Rat der  Gemeinde Richards Bay irgendwann überlegt hatte, man könnte doch einfach den Zululand Yacht Club, genauso wie die direkt daneben gelegenen Kayak- und Wasserski-Clubs, irgendwie loswerden, sich die Grundstücke unter den Nagel reißen, und dann zum einen gewinnbringend an einen Investor verkaufen, der da schicke Hotels und Restaurants draufstellt.Zum anderen hätte man was für die Ertragskraft der Gemeinde getan. Irgendwer hätte sich auf jeden Fall eine goldene Nase verdient bei der Aktion. Ob das unbedingt der Investor gewesen wäre, sei mal dahingestellt.

Das zieht sich wohl schon ein paar Jahre hin. Bin mir nicht sicher, ob die Gelände den Clubs gehören, gepachtet oder geerbpachtet sind oder was auch immer. Auf jeden Fall wollen alle drei Clubs natürlich hier nicht weg und so ist die ganze Sache vor einer Weile vorm Gericht gelandet. Und da irgend ein Schlaustein in der Gemeinde der Meinung war, der Aufgabewilligkeit der Clubleitung mal ein wenig auf die Sprünge helfen zu müssen, haben sie mal eben ohne Vorwarnung die Stromzufuhr zu den drei Clubgrundstücken gekappt. Einfach so.:motz:

Da sind jetzt zwar die Anwälte dran, aber da hier niemand weiß, wie lange diese Situation wohl dauern mag, wurde zwar am Clubhaus gestern noch ein mobiler 40kW Miet-Generator aufgestellt, um wenigstens das Office und das Restaurant mit Strom zu versorgen, der Rest des Geländes ist aber praktisch tot. Steganlagen, Garagen, Offices, alles. Sämtliche Firmen, die hier üblicherweise so vor sich hin arbeiten, können derzeit bestenfalls von Hand sägen und schleifen oder Zettel ausfüllen. Oder Boote waschen. Wasser ist (noch) da 🙂 Auf jeden Fall ist es im Vergleich zu sonst gerade mächtig ruhig hier.

Jedenfalls war das dann gestern der Zeitpunkt, an dem ich beschloß, meinen Refit-Zeitplan ein wenig umzustellen und vorgezogen für mehr energetische Autarkie auf dem Boot zu sorgen. Ich holte meine Solarpanels aus der Garage, verlegte sie provisorisch (mit Duct-Tape, was sonst) auf dem Vordeck und fing an, Verbindungskabel für die LiFeYPo4-Box zu crimpen, um sie ins Bordnetz einzubinden.

Irgendwann am späten Nachmittag hatte ich dann soweit erstmal alles zusammengeknotet, daß ich immerhin im Bordnetz auf 500Ah Batteriekapazität zurückgreifen konnte. Glücklicherweise ist hier seit ein paar Tagen und auch für die nächsten Tage Sonne pur angesagt.

Gebraaiit wurde Montag Abend natürlich trotzdem. Funktioniert schließlich mit Holzkohle, nicht mit Strom. Ich hatte vorsorglich meine Grubenlaterne mitgenommen (was sich auf dem Rückweg dann auch als sinnvoll rausstellte), aber am Clubhaus lärmte der Generator und die Grillecke war mit gleißendem Strahler-Licht taghell.  DAS wäre nun auch nicht wirklich erforderlich gewesen, gemütlich geht definitiv anders.  Direkt nach dem Essen bin ich, ebenso wie Greg, wieder abgehauen aufs Boot. Hier höre ich den Generator wenigstens nicht und dank fehlender Beleuchtung, angenehmen 24°C  und klarem Himmel haben wir noch bis 21h30 draußen im Cockpit gesessen und gequatscht.

Heute morgen kurz nach 7 Uhr fing das Solar-System dann an zu laden, und schon vor 9 Uhr meldete der Victron SmartSolar-Controler meine 500Ah bei 14.4V als fast voll und ging in den Absorbtionsmodus über.

In der Spitze lag ich bei gut 305W und maximal 21.5A Ladestrom. Nett.

Zeit für ein verdientes Frühstück mit erstklassigem, gestern selbst gegrilltem Roastbeef.

Eigentlich ist Thelxinoes Position hier an Land ja denkbar ungünstig, zumindest was Energiegewinnung durch Solarzellen angeht, denn zum einen scheint die Sonne wegen der umstehenden Bäume lediglich von 8h30-12h30 ungestört aufs Vordeck, danach werden die Panels zuerst vom Mast des neben mir stehenden Katamarans, und danach von den Koniferen hinter mir abgeschattet. Trotzdem war der Gesamtertrag von über 1100 Wh tagsüber mehr als ausreichend. Und das waren nur die vier flexiblen 120W-Panels, die später auf das Bimintop sollen. Die beiden alten Panels  auf dem Geräteträger hängen derzeit noch an einem anderen MPPT-Regler und sind hier nicht enthalten, und nötigenfalls habe ich ja auch noch drei weitere kleine mit zusammen 130Wp in der Garage liegen. Direkt neben den beiden Windgeneratoren 🙂

Nächstes Projekt war der Inverter, den es an die Batterien und den Eingang des Landanschlusses zu knüpfen galt. Nachdem ich dafür ein paar meiner alten Batteriekabel recycled hatte, war er immerhin schonmal mit 50mm² an 12V verdrahtet, Der 230V-Anschluß war schon ein wenig frickeliger. Hochspannungsanschlüsse sind Andis Baustelle, nicht meine. Da der nun aber nicht mehr hier ist, mußte ich mir ein entsprechendes Adapterkabel von Schuko-Stecker auf südafrikanische Kupplungsdose selber basteln. Hatte ich alles da, und allen Vorbehalten zum Trotz, funktionierte das Kabel hinterher, ohne meinen Fi, den Inverter oder mich zu killen.

Läuft! Nun nur noch an den Landanschluß anschließen…

Ein erster Test ergab: Staubsauger geht, Espresso-Maschine geht, Eiswürfelmaschine geht, Kochplatte geht, Toaster geht.

Wasserkocher geht nicht, hat mich aber auch nicht überrascht, da das  Ding 2000W hat und der Inverter nur 1500W im Dauerbetrieb hergibt. Und alles, was ich sonst noch so an 230V-Geräten darüber betreiben wollen würde, hat dramatisch weniger Leistung und sollte kein Problem darstellen. Mal sehen wie das aussieht, sollte hier jemals wieder Landstrom vorhanden sein. Der Inverter hat eine Netzvorrangschaltung, also theoretisch wird das Kabel, das bislang vom Landanschluß zu der Kiste mit dem FI geht, dann einfach hinten in den Inverter gesteckt und sollte funktionieren. Interessant ist dann allerdings die Frage, ob der auch nur 1500W „durchleitet“, oder ob ich dann meinen Wasserkocher wieder ganz normal benutzen kann…

Da ich nun als Einziger auf dem Gelände wieder Strom hatte, habe ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, den Frästisch wieder hinterm Boot aufzubauen und aus reiner Gemeinheit auch noch ein paar Leisten zu fräsen 🙂 Greg auf dem Nachbarkat war naturgemäß der erste, dem das auffiel. Morgen kommt John zu ihm, um dann seine neuen Solarpanels und seinen Inverter anzuschließen 🙂

Im Gefrierfach lag seit Andis Abflug immer noch eine halbe Tüte voll mit „Gartengemüse“. Bevor die nun irgendwann völlig zum Eisblock zusammenbackt, habe ich die Hälfte davon heute abend im Wok zusammen mit den Resten des gestrigen Filets gebraten, sonst hätte ich morgen schon wieder Filet essen müssen. Eß ich ja gern, aber drei Tage nacheinander muß dann doch nicht sein.