Hundert Tage

Naja, eigentlich schon knapp drüber, aber was soll’s. Hier dauert eben alles ein bischen länger 🙂 Ein gutes Vierteljahr bin ich jetzt in Südafrika, Zeit für eine Zwischenbilanz. Bin ich zufrieden mit meiner Situation? Jain… Ich fühle mich wohl hier im Land und hier im Boot, abgesehen davon, daß mir das Wetter mehr zu schaffen macht, als ich erwartet hatte. Anfangs war es arschkalt, und Leben auf einem Boot ohne jede Form von Heizung bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ist wirklich nicht unbedingt das, was mir so vorgeschwebt hatte. Weswegen ich, nur für den unwahrscheinlichen Fall, daß ich nächstes Jahr auch noch irgendwo rumhänge, wo es kalt wird, eine Diesel-Standheizung bestellt habe, die inzwischen von China nach Deutschland expediert wurde, und dort auf den Versand hierher wartet. Man weiß ja nie…

Inzwischen ist, nach einem ziemlich wechselhaften Frühjahr, nun fast Sommer. Ich hatte das ja schon bei meinen Besuchen in den letzten paar Jahren erlebt; Sommer in Richards Bay ist definitiv eine andere Hausnummer als Sommer in Johannesburg. In meiner Zeit dort war es im Sommer erträglich warm und trocken. Hier ist es heiß und wenn es regnet, dann schüttet es aus allen Knopflöchern. Heute waren wieder rund 40° im Schatten, im Boot entsprechend mehr.  Da macht Arbeiten auf Dauer echt keinen Spaß. Eigentlich sitze ich dann nur noch im Cockpit, lauere auf ein bischen Wind und warte drauf, daß es kühler wird. Wenn der Kahn fertig und ich damit im Wasser wäre, hätte ich damit überhaupt kein Problem. Mich drängt ja nichts. Nur, eigentlich wollte ich die Kiste überhaupt erstmal fertigstellen, bevor das Dolce Vita und Sonnenbaden eingeplant war.

Was uns zum zweiten Knackpunkt hier bringt: Alles dauert unheimlich lange. Ob es um irgendwelche Bestellungen geht, Arbeiten am Boot, Behördenkram…  Um nicht immer nur von Thelxinoe zu schwafeln:

Greg, von der True North , dem Dean 443 Katamaran neben mir, wurde von den Eignern bekanntlich eingestellt, um die zügige Fertigstellung der dortigen Refit-Arbeiten zu überwachen. Der sitzt seit inzwischen fast sechs Monaten in dem Kahn, hat genausowenig fließendes Wasser, Heizung, Klimaanlage oder ein benutzbares Klo an Bord wie ich, und wird allmählich ein ganz klein wenig unduldsam, habe ich so den Eindruck. Mag am aktuellen Wetter liegen, aber heute habe ich ihn das erste Mal in den drei Monaten unserer Nachbarschaft zuerst Steve den Laminator, anschließend John den Elektriker und zum Schluß auch noch Lucky, seinen schwarzen HiWi anschnauzen hören. Vermutlich, weil sich für morgen die Eigner aus Durban angedroht haben und alles „etwas schleppend“ verläuft.

Als wir Mitte August hier ankamen, war er noch ziemlich optimistisch und behauptete, „Ende September ist das Boot im Wasser“. Inzwischen ist Ende November, und wenn das Ding überhaupt noch dieses Jahr gewassert wird, ist es vermutlich schon gut gegangen… Was Thelxinoe und den „Zu-Wasser-Lass“-Zeitplan angeht, bin ich inzwischen ziemlich flexibel. Wenn fertig, dann fertig.

Also: Nein, ich bereue nicht, meine Zelte in Deutschland weitgehend abgebrochen zu haben, und auf ein 25 Jahre altes Boot 9500 Km entfernt gezogen zu sein. (Jedenfalls noch nicht 🙂 ) Und wenn das Ding irgendwann mal fertig und unterwegs ist, kann es ja eigentlich nur noch besser werden. Klar fehlt mir die Familie  und die Freunde. Dank WhatsApp und Skype fühle ich mich heute aber deutlich weniger „entfernt“, als das beim ersten Mal vor 35 Jahren der Fall war. Da bestand die übliche Kontaktform aus Luftpostbriefen, die im Idealfall 8 Tage Laufzeit hatten. Telefonate nach Deutschland waren schlicht nicht zu bezahlen. Das ist heute wirklich ein echter Fortschritt: Ein 20-Minuten Telefonat von hier auf eine deutsche Festnetznummer kostet über Skype gerade mal 0.40€ oder sowas in der Größenordnung, plus ein bischen Datenvolumen. Das selbe Gespräch über meine deutsche Vodafone-SIM geführt, würde mit rund 75,-€ zu Buche schlagen, das ist fast genauso übel, wie schon vor 35 Jahren aus der Telefonzelle. (Die Vodacom Prepaid-SIM läßt keine Auslandsgespräche außerhalb des südlichen Afrikas zu. Und wenn, wären die mutmaßlich auch nicht billiger als Vodafone) 

Genug bilanziert, back to work: Den Temperaturen zum Trotz, hat Simon heute den größten Teil des Tages an Deck verbracht, um das Steuerbord-Gangbord als vorerst letzte Oberfläche zu schleifen, bevor es ans besanden geht. (Auch der wird bei solchen Temperaturen durchaus langsamer als üblich, ist heute nichtmal fertig geworden 🙂 ). Ich dagegen habe mich mit Akkuflex, Multimaster und Stichsäge in die gestern leergeräumte Backbord-Achterkabine begeben, um nun endlich die Wand und das Schott für den Tankeinbau rauszusägen.

Um die Wand vor dem Loch links geht es

Das war in der Tat eine äußerst schweißtreibende Angelegenheit. Nach fünf Minuten saß ich in einer Pfütze, weil mir der Saft wirklich überall runterlief. Nein, das war keine Metapher! Hab ich in der Form echt noch nicht erlebt. Während der Flexerei hatte ich die Kabine natürlich mit meiner selbstbau-Folientür verrammelt (und dabei festgestellt, daß diese Kabine die einzige ist, bei der der Türrahmen aus unerfindlichen Gründen 5cm niedriger ist als bei allen anderen), was mich in Verbindung mit dem Flex- und Sägestaub und gefühlten 55°C  Raumtemperatur heute echt an meine Grenzen gebracht hat. Nach 10 Minuten Sägerei war glücklicherweise der Multimaster wieder dermaßen heiß, daß ich ihn ohnehin nicht mehr anfassen konnte, wodurch sich Gelegenheit für eine weitere Pause ergab. Hab nicht mitgezählt, aber ich schätze, ich habe im Lauf des Tages heute rund 4L Wasser und Fruchtsaft inhaliert. Sodastream sei Dank …

Nachdem die Frontwand draußen war, fand ich dann auch den Punkt im Boot, an dem sich Marianne häuslich niederglassen hatte. Ihr Nest war direkt um einen Kabelstrang gebaut, der dummerweise genau durch das zu entfernende Schott geführt war.

Ich habe das nach kurzem Zögern dann problemlos umgesiedelt. Mariannes Haus wohnt jetzt in meinem Staubsauger 🙂 Sie fand das wohl nicht so witzig. Kam danach noch zweimal reingeschwirrt, suchte etwas irritiert im Schrank rum und wurde seitdem nicht wieder gesehen. Auch gut. Eine von der Sorte reicht mir an Bord, da waren aber noch mindestens fünf weitere verpuppte Mariannes der nächsten Generation und ein beachtlicher  Vorrat an Futter-Insekten drin.

Das Ding in den nächsten beiden Bildern hing an besagtem Kabelstrang rum, ohne erkennbare Funktion  und ohne mit irgendwas verbunden zu sein. So aus meinem technischen Verständnis heraus würde ich ja mutmaßen, das das ein Teil eines Gas-Fernschalters ist, auch wenn der an dieser Stelle im Schrank mitten im Innenraum und zwei Meter von der Gasflasche entfernt imho herzlich wenig Sinn ergäbe. Irgendwie scheint aber ein wesentlicher Teil zu fehlen, jedenfalls hat dieses Ding außer den 12V-Kabeln weder irgendwelche sonstigen Anschlüsse, noch Gewinde für eine Verbindung zur Gasleitung. Nur ein durchgehendes, glattes Loch. Sehr mysteriös… Falls irgendwem dazu was einfällt, einfach in den Kommentar damit.

Nachdem Simon kurz nach 15h30 verschwunden war, habe ich, da aus Westen inzwischen eine übel aussehende Böenwalze heranrollte, den Kahn verrammelt (bei immer noch 38°C), bin Duschen gegangen und anschließend zur Mall gefahren, um meine Fruchtsaftvorräte wieder aufzustocken. Bei der Gelegenheit bin ich gleich beim Telefonladen vorbei, um mein „ganz bestimmt Montag heile aus Durban zurück“ geschicktes Handy wieder einzusammeln. Muhaa… Naja, vielleicht dann morgen oder Donnerstag. Wer braucht auch schon zwei Handies …

Zurück am Boot, war es weiter westlich zwar nochmals deutlich düsterer geworden, die Walze erreichte mich aber erst eben gerade gegen 18h45 mit rund 45kts in Böen, aber so gut wie trocken. Nun ist es 19h, wieder fast windstill und ich habe immer noch 31° im Boot. Schätze, ich werde die Luken wieder aufsperren und jetzt mein Steak braten. Seit heute morgen habe ich lediglich ein paar Cornflakes und vorhin nach dem Einkauf  ein Stück Wassermelone gegessen. So allmählich werde ich doch etwas schmachtig.