Lockdown, Tag 147

Es ist kalt hier. Ich bin mir nicht so recht sicher, ob das nur die Außentemperaturen sind, aber mir ist kalt. Seit Tagen schon fiel immer mal wieder der Strom am Steg aus, seit heute morgen um 3h00 ist er nun scheinbar ganz weg, so daß auch meine Heizung nicht mehr funktioniert. Bei 12°C Nachttemperatur nicht unbedingt die ideale Voraussetzung, um irgendwelche Viren abzuwehren. Da niemand mehr hier ist, der mich wärmen würde, war ich genötigt, mir die zweite Decke wiederzuholen und bin gestern einfach erst gegen 09h00 ohne große Motivation aufgestanden. Und trotzdem:

Es ist kalt hier.  Schon gestern kam auch die Tagestemperatur nicht mehr über 19°C, auch wenn zumindest die Sonne ganztägig schien. Der schneidende Wind aus Süd fühlte sich an, wie bestenfalls 12°C. Ich wollte endlich die Angel einholen, die bereits seit dem Fast-Rochen am Samstag Nachmittag mit einem neuen Köderfisch wieder draußen gelegen hatte, mußte bei der Gelegenheit jedoch feststellen, daß wohl unbemerkt irgend etwas größeres gebissen hatte, jedenfalls waren fast die gesamten verbliebenen 280m 55er-Schnur abgespult, obwohl die Bremse eingestellt gewesen war. Vielleicht war das endlich der Garrick, auf den wir wochenlang gewartet hatten, wer weiß.

Die Schnur führte irgendwo am Boot vorbei in Richtung Norden, und vermutlich ist sie inzwischen um diverse Ankerketten von Stegen oder was weiß ich geschlungen, vielleicht hatte auch nur ein anderes Boot die Schnur mitgeschleppt und abgespult, keine Ahnung. Jedenfalls ließ sie sich nicht wieder einholen, und ich habe sie nach ein paar Minuten des Versuchens einfach gekappt. Scheiß drauf. Wenigstens war die Angel mit einer Leine gesichert am Boot angebunden gewesen und noch da.

Der heutige Morgen war bedeckt, es war  fast windstill; ein trüber August-Wintertag in Afrika, der erst nach zehn Uhr mit ein bischen Sonne durch die dicken Wolken dafür sorgte, daß meine Energiebilanz durch die Solarpanels leicht ins Plus gedreht hat.

Es ist kalt hier. Innerlich fühle ich mich wie erstarrt, kriege nichts wirklich auf die Reihe und wurstele mich irgendwie durch den Tag. Im Nachhinein war ich ganz erstaunt, daß ich das Zusammenbasteln des Videos und des letzten Beitrages soweit durchgehalten habe ohne einen Zusammenbruch zu kriegen, aber vielleicht ist das auch einfach nur meine Art, die Trauer zu bewältigen. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, daß ich künftig weder jemals einen der beiden Songs anhören, noch mir das Video ansehen kann, ohne in Tränen auszubrechen. In der Beziehung bin ich echt ein bekennendes, emotionales Weichei. Nach Adele’s „someone like you“, zwei weitere Lieblingslieder mit Schmerzpotential ….

Zaitoon hatte mich angewhatsapped. Zaitoon ist eine von Shahedas zwei besten Freundinnen, soviel wußte ich vorher schon. Die einzigen, mit denen sie noch per Whatsapp in lockerem Kontakt gestanden hatte, seit sie zu mir gezogen war. Zaitoon hatte Sonntag oder Montag versucht, Shaheda auf deren Telefon zu erreichen, und ich war rangegangen und hatte ihr erklärt, was passiert war.Sie war naturgemäß völlig geschockt, aber willigte ein, daß ich sie als Kontakt auf mein Telefon übernehme, um auch nach der Rückgabe von Shahedas Sachen an ihre Angehörigen füreinander erreichbar zu sein.

Inzwischen haben wir wohl um die drei bis vier Stunden verchatted, und danach ging es zumindest mir besser als vorher, und ihr wohl auch. Und auch Hulda, die einzige andere Frau, mit der ich in meiner Zeit auf der DatingSite außer Shaheda mehr als nur ein paar Worte gewechselt hatte und die sich für den Blog interessierte, hat mich mit ihrer Anteilnahme getröstet. Und natürlich all die Freunde, Famile und Blogleser, die tröstende Worte für mich gefunden haben und ihre Fassungslosigkeit zum Ausdruck brachten, helfen mir.

„Reden hilft“. Ja, tut es tatsächlich. Ich danke Euch, daß Ihr mir das Gefühl gebt, hier nicht völlig allein zu sein.

Ich hatte am Anfang dieser Bloggerei, in einem der allerersten Beiträge, mal geschrieben, daß dieses sowas wie mein persönliches Tagebuch ist. Natürlich ist es in erster Linie mein Tagebuch, und einiges davon ist in einem privaten Bereich, wo es für die große Öffentlichkeit auch verborgen bleiben wird, aber viele meiner Gedanken und Gefühle werden sich hier bei Euch wiederfinden. Also seht mir bitte nach, falls ich hin und wieder in Erinnerungen schwelge oder emotional werde.

Es wird ein wenig wärmer hier. Die Sonne kommt durch, und der Wind ist wieder da, so daß ich wenigstens keine Sorge haben muß, am Ende des Tages mangels Strom auch noch ohne PC oder Internet dazustehen und völlig abgeschnitten zu sein.

Eben war ich schon wieder einkaufen, da irgendjemand hier an Bord im Laufe der letzten Woche den gesamten Vorrat an Küchenrollen vollgeheult hatte. Aber inzwischen stiehlt sich schon hin und wieder mal ein leises Lächeln in meine Gedanken, sobald ich an sie denke, an unsere gemeinsame Zeit, ihr Lachen, ihre Zärtlichkeit und ihr strahlendes Lächeln, sobald ich sie ansah, und die Tränen kommen zwar immer noch, aber es werden so ganz langsam weniger, und sie sind nur noch in meinen Augenwinkeln, und keine Sturzbäche mehr.

Dieses war das erste Bild, das ich von ihr sah, noch bevor wir das este Mal überhaupt direkt Kontakt aufgenommen hatten, und ich glaube, ich habe mich schon hierin direkt ein bischen verliebt. Während unserer ersten Tage im Chat, als sich so langsam ein Gefühl der Vertrautheit zumindest auf meiner Seite einzustellen begann, schlich sich der unangenehme Gedanke in mein Bewußtsein: „was, wenn das alles hier nur einer der Fakes ist, vor denen sie im Impressum der Datingsite so eindringlich warnen? Was, wenn diese Frau, der ich meine Seele offenlege und die mir Hoffnung gibt, in Wirklichkeit womöglich ein Hacker ist, der grinsend vor seinem Monitor sitzt, und seine Nächte chipsmampfend mit gefaketen Profilen damit verbringt, einsamen Männern und/oder Frauen Hoffnung zu machen, um auf die ein oder andere Weise dann irgendwie davon zu profitieren oder sich später einfach nur in ihrer Enttäuschung zu suhlen?“ Ich hatte eine spontane Asoziation, die meine Gefühle widerspiegelte und  in der zweiten Nacht, nachdem wir schon fast 14 Stunden im Chat verbracht hatten, bat ich sie „to PLEASE be real, and not to destroy that little boy’s hope, who stood in front of her, anxiously awaiting his fairy to kiss him and not turn her back on him“. Ich glaube, das war der Moment, in dem sie wirklich anfing zu glauben, daß ich mehr für sie sein könnte, als nur ein Chat-Partner. Zumindest deutete ihre Reaktion darauf hin.

Ich bin ein hoffnungsloser Träumer und Romantiker, ich weiß. War ich immer. Sie entsprach von der äußeren Erscheinung her nun nicht wirklich dem allgemeinen Bild einer Fee in der Art von Peter Pan’s Glöckchen, wahrlich nicht. Eher so in der Richtung der drei Feen in Magnificient. 🙂 Aber von da an sah ich sie als meine Fairy, meine Fee, und nannte sie auch so. Und das wird sie für immer bleiben.

Ich habe Jahre gebraucht, um über den Verlust meiner ersten großen Liebe hinweg zu kommen und den Mut zu fassen, mich in meinem Alter tatsächlich noch einmal auf die Suche nach jemand anderer zu machen, die ihr Leben mit mir teilen möchte. Ich bin sicher, daß es bei allem Schmerz, den ich jetzt empfinde, dieses Mal nicht wieder so lange dauern wird, denn ich habe die Endgültigkeit gesehen, mit der meine Shaheda aus meinem Leben verschwand. Ich weiß, daß meine Fee nicht wieder zu mir zurückkehren wird. Jede Hoffnung darauf wäre reine Illusion. Nur die Erinnerung bleibt.

Ich war mein Leben lang ein Optimist und habe die bisherigen Schläge, die mir das Leben so verabreicht hat, irgendwie weggesteckt und nach einer Weile wieder nach vorne geblickt. Mein Lebensmut mag eine tiefe Delle davongetragen haben, aber ich weiß, daß er noch da ist, irgendwo unter dem Schmerz. Und früher oder später wird er sich aus diesem tiefen, dunklen Loch wieder ans Tageslicht hervorarbeiten. Es mag eine Weile dauern, aber wenn ich eines in den letzten Monaten glasklar erkannt habe dann das, daß ich mein weiteres Leben nicht allein verbringen möchte. Ich brauche jemanden in meiner Nähe, die ich lieben kann. Und die mich liebt.

Also weint mit mir, redet mit mir, helft mir, den Schmerz zu überwinden und wieder nach vorn zu sehen. Ihr seid meine Freunde, meine Familie, ich brauche Euch! Ich würde gerne eine Weile in Eurer Nähe verbringen, aber wie gesagt, die äußeren Umstände verhindern das.

Und auch die, die vielleicht nicht in meinen Whatsapp- oder Facebook-Kontakten sind und womöglich das Bedürfnis haben, sich dennoch irgendwie zu artikulieren: Seid eingeladen, hier gerne zu kommentieren. Ich freue mich wirklich über jeden, der etwas beitragen möchte.

Ich danke Euch allen!

Inzwischen ist es Nachmittag geworden. Die Sonne scheint, aber der Wind ist immer noch eiskalt und schneidend. Ich war, wie gesagt, vorhin einkaufen um unter anderem ein bischen Gemüse zu erstehen, und habe bei der Gelegenheit in Erfahrung gebracht, daß der Strom wohl auf dem Großteil des Clubgeländes weg ist. Irgendwo ist ein Kabel durchgebrannt, und sie arbeiten dran. Nun ja, auch das wird irgendwann wieder funktionieren.

Für morgen habe ich Peter zum Essen und zum Reden eingeladen. Im  Freezer liegen immer noch die Lamm-Koteletts, die wir am Samstag zusammen gekauft hatten, also werde ich ein indisches Lamm-Curry á la Shaheda  zubereiten, ein paar ihrer Roti dazu backen, und die letzte Flasche  Shiraz aus dem Vorrat öffnen.  

Das Leben wird weitergehen. Irgendwie.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.