Shaheda

Meine geliebte Shaheda ist tot! Sie starb in der Nacht von Samstag auf Sonntag und seither ist nichts mehr, wie es war. Mein Leben hat schlagartig eine Wendung genommen, die mich ratlos, einigermaßen verzweifelt, und zutiefst traurig zurückläßt.

Als ich sie im Januar kennenlernte, war das das Beste, was mir in der ganzen Zeit hier in Südafrika passiert ist. Wir verstanden uns auf Anhieb und entdeckten innerhalb von nur drei Tagen soviele Gemeinsamkeiten, übereinstimmende Meinungen und Interessen in allen Bereichen des Lebens, von Musik, Kultur, Büchern, unserem Sinn für Humor und Sarkasmus,  bis hin zu Politik, Religion und Wirtschaft , daß es sich anfühlte, als würden wir uns schon seit Jahrzehnten kennen. Wir fühlten uns als Soul-Twins, Zwillings-Seelen. Aus der Internet-Bekanntschaft wurde in kürzester Zeit sehr viel mehr, und spätestens nach unserem ersten persönlichen Treffen in Kapstadt nur kurze Zeit nach unserer ersten online-Begegnung stand für mich fest, daß ich, allen meinen Erwartungen und Überzeugungen zum Trotz, dabei war, mich neu zu verlieben. Etwas, womit ichin meinem Alter nicht mehr gerechnet hatte.

Ihr ging es genau so, und trotz einiger natürlich vorhandenen unterschiedlichen Ausrichtungen in Bezug auf unsere jeweilgen persönlichen Träume und Ziele beschlossen wir, uns zusammen zu tun und zu probieren, ob wir es miteinander aushalten.

Chris Botti: A thousand kisses deep. Sie liebte diesen Song, auch wenn sie ihn als etwas „moody“ bezeichnete.

Sie war kein problemfreier Mensch, ganz gewiss nicht, und hatte im Vorjahr aufgrund einer falschen Entscheidung mit verheerenden Konsequenzen ein extremes Trauma erlitten, für das sie sich selbst die alleinige Schuld gab, und das sie ziemlich aus der Bahn geworfen hatte. Sie war zudem ein äußerst verschlossener Mensch, und hatte niemandem davon erzählt, abgesehen von mir, nachdem sie Vertrauen zu mir gefaßt hatte.

Selbst ihre eigene Familie und ihre engsten Freundinnen wußten von nichts, hatten allerdings auch gar keine Chance, irgend etwas zu erfahren, weil sie sich systematisch von allen abschottete und jeden Kontakt vermied.

Seit sie wieder in Südafrika war, lebte sie, die zuvor einen gut dotierten Management-Job im Öffentlichen Dienst gehabt und ein eigenes, geräumiges Haus mit drei Schlafzimmern und Pool bewohnt hatte, notgedrungen wieder im Kinderzimmer im Haus ihrer pflegebedürftigen Eltern und verbrachte ihre Tage mangels sinnvoller Beschäftigung oder auch nur eines eigenen Autos mit Hilfe im Haushalt, oder vor dem Fernseher und bei Youtube.

Als wir uns kennenlernten war sie im Begriff, in eine abgrundtiefe Depression abzurutschen. Unsere endlosen Gespräche, Chats und Video-Telefonate, und die von Anfang an vereinbarte und auch konsequent durchgehaltene, bedingungslose Ehrlichkeit zwischen uns führten dazu, daß sie sich mir gegenüber öffnete, wieder Mut faßte und anfing, ein bischen optimistischer in eine mögliche gemeinsame Zukunft zu blicken.

Dann passierte Corona. Der weltweite Ausbruch des Virus mag eine globale Tragödie sein, für uns war er eine Chance. Eine Woche, bevor Südafrika die Grenzen und die Flughäfen schloß und den landesweiten Lockdown ausrief, der sogar das Reisen zwischen den einzelnen Provinzen des Landes komplett unterband, faßten wir den Entschluß, diese Zeit gemeinsam durchzustehen und mit einem der letzte möglichen Flüge kam sie im März zu mir, zusammen mit zwei kleinen Koffern und einer Wagenladung an persönlichen Problemen, aber einem strahlenden Lächeln im Gesicht.

Es war das Paradies. Wir waren vierundzwanzig Stunden täglich zusammen, redeten, lachten, kochten miteinander, schauten Segel-Vlogs auf Youtube oder lasen uns was vor, begannen zu angeln, bastelten teilweise gemeinsam am Boot rum oder putzten einfach nur mal durch und gingen der Außenwelt so gut es ging aus dem Weg. Wir harmonierten in absolut jeder Beziehung. Corona fand bei uns nur als Randnotiz aus einer weit entfernten Welt statt, die permanent in den Nachrichten auftauchte.

Monate vergingen. Statt, wie ursprünglich angekündigt nach vier Wochen, wurde der Lockdown ein ums andere Mal verlängert, mal ein wenig gelockert, dann wieder verschärft, aber es tangierte uns wirklich nur minimal. Wir hatten uns, und bei den spärlichen Gelegenheiten, zu denen wir das Boot und das Clubgelände verlassen mußten, um z.B. die Vorräte aufzustocken, hielten wir uns an alle vorgegebenen Sicherheitsmaßnahmen und blieben vom Virus verschont, während Südafrika sich langsam aber sicher auf Platz fünf der weltweiten Statistik mit den meisten Infektionen vorarbeitete.

Ihre mitgebrachten Probleme waren zwar da, nahmen aber in unserem täglichen Leben nur einen winzigen Eckplatz im hintersten Winkel unseres Bewußtseins ein, versteckt hinter jeder Menge Liebe, Spaß und gemeinsamen Aktivitäten. Hin und wieder sprach ich das Thema an und schlug vor, über Lösungen für einzelne davon nachzudenken, aber sie wischte das Thema meist nach kurzer Zeit wieder vom Tisch und wollte sich damit nicht wirklich befassen. Einmal habe ich sie „die Meisterin der Procrastination“ genannt, was sie nicht lustig fand, aber letzten Endes als zutreffend eingestand.

Und da jedesmal wenn ich davon anfing, ihre Stimmung kippte und sich verdüsterte, habe ich mitgespielt und beschloß, das ganze Thema bis zum Ende des Lockdowns nicht wieder anzufassen. Von hier aus hätten wir ohnehin nicht so ganz viel tun können. Und dank Corona, konnte keiner von uns irgendwo anders hin.

Bis schließlich Anfang August die Reise-Einschränkungen zwischen den Provinzen dahingehend aufgeweicht wurden, daß man mit einem Permit bei ausreichender Begründung wieder hätte reisen können. Was Ihr Sohn, der das vergangene Jahr im Ausland verbracht hatte und den sie seit über einem Jahr nicht gesehen hatte, nutzte, eines Abends anrief und mitteilte, er hätte ein Permit, würde gern von Johannesburg aus nach Kapstadt fahren um dort diverse Sachen zu erledigen, und sie auf dem Wege dorthin hier abholen, um ein paar Tage gemeinsam mit ihr zu verbringen.

Sie geriet in Panik, das konnte ich überdeutlich spüren. Da waren sie wieder, all die dräuenden Schwierigkeiten und lauerten nur darauf, daß sie sich in ihre Nähe wagte. Sie sagte ab. Ihr Sohn fuhr mit seinem Vater allein nach Kapstadt und für eine Weile war wieder alles gut bei uns, wir waren auf dem Weg in ein normales Leben. Wir planten weiter für eine gemeinsame Zukunft und beschlossen, nach dem Ende des Lockdowns und der Fertigstellung des Bootes, für eine Weile die Küste hoch nach Mozambique zu segeln, wälzten Internet-Speisekarten von Restaurants auf Inhaka-Island, die wir gemeinsam bei Google Earth entdeckt hatten,  und wollten von dort aus später gegebenenfalls als ersten größeren Törn den Sprung nach Madagaskar wagen, sobald wir uns sicher genug dafür fühlen würden.

Eine Woche später rief ihr Sohn wieder an und wollte sie für ein paar Tage abholen, dieses Mal für eine gemeinsame Zeit mit ihm und seinem Vater in Johannesburg. Ich hielt das eigentlich für gar keine so schlechte Idee nach so langer Zeit der Trennung, und hatte die leise Hoffnung, daß sie die Gelegenheit nutzen würde, sich womöglich auch ihm oder seinem Vater wieder etwas weiter zu öffnen und ihm ihre Probleme darzulegen. Ich wußte, daß ihr Verhältnis zu ihrem Ex-Mann immer noch ein sehr gutes war, und daß er ebenfalls alles tun würde, um sie nach Kräften zu unterstützen. Sie müßte nur fragen. Also überzeugte ich sie, dieses Mal zuzusagen und das tat sie dann auch.

Er hatte sich für Sonntag oder spätestens Montag angekündigt, und nachdem wir einen wunderbaren Samstag mit bestem Wetter mit Windstille und Temperaturen erstmals wieder über 30°C nach dem Winter im Cockpit verbracht hatten, dabei fast einen kapitalen Rochen gefangen hätten, der es auf dem letzten Meter dann doch noch zurück in die Freiheit schaffte indem er die Schnur abriß, einen Bombay Orange Crush als Sundowner genossen und zu Abend gegessen hatten, kam Wind auf. Es wurde böeig, mit den für die Jahreszeit hier üblichen 25-35 Knoten aus Süd, und das Boot hüpfte einigermaßen stukkerig im Hafen umher.

Nach einer Weile verkündete sie, ihr sei leicht übel und sie hätte Kopfschmerzen, was bei ihr eine absolute Ausnahme war, und verzog sich in die Koje. Gegen 22 Uhr sah ich nochmal nach ihr, sie lag wach da und schien die Sache soweit im Griff zu haben. Ich folgte gegen 23:30, gab ihr einen Gute-Nacht-Kuß, da sie immer noch wach war, hörte ihr geflüstertes „I love you too, Martin“ als Antwort und schlief relativ zügig neben ihr ein.

Fünf Stunden später konnte ich nur noch hilflos und wie erstarrt zusehen, wie der Coroner sie in eine Plastiktüte verpackte, sie an Land tragen ließ und damit verschwand sie aus meiner Welt.

Sie ist tot! Meine Shaheda, die zweite große Liebe meines Lebens, die wie ein unerwartetes Geschenk auf meine alten Tage in mein Leben getreten war, ist tot!

Die Tage seither war ich wie gelähmt, unfähig irgend etwas sinnvolles zu tun. Was immer ich anfangen wollte, nach spätestens zehn Minuten war sie wieder omnipräsent und mir wurde schmerzlichst bewußt, daß sie nicht wiederkommen wird. Ich habe stundenlang alte Chats gelesen, ihre Bilder betrachtet, und frage mich: Wieso?

Wir waren so glücklich! In meiner Gegenwart blühte sie sichtlich auf und wurde gefühlt täglich jünger. Das obige Foto habe ich ungefähr eine Woche vor ihrem 60. Geburtstag aufgenommen. Sie saß mit mir am Salontisch, lächelte mich an, hielt meine Hand und sah in meinen Augen keinen einzigen Tag älter aus als 38. Wann immer sie bemerkte, daß ich sie ansah, lächelte sie, urmarmte mich, streichelte mich mit einer flüchtigen Berührung …

Dienstag nachmittag waren ihren Angehörigen da, in Person von ihrem Exmann, ihrem Sohn und einem ihrer Brüder. Sie klärten die erforderlichen Formalitäten und kamen anschließend zum Club, um Shahedas Sachen abzuholen, die ich in der Zwischenzeit zusammen gepackt und in ihren Koffern verstaut hatte. Sie kamen in Begleitung eines Sheriffs, der von mir eine weitere Aussage aufnahm, während die drei mit am Tisch saßen und reglos zuhörten. Als das endlich überstanden war, führte ich sie bis zum Boot, übergab ihnen Shahedas Besitztümer und fort waren sie. Ich habe nichts davon behalten, sie haben alles mitgenommen.

Was mir bleibt, sind die Erinnerung an fünf wundervolle, glückliche und verliebte gemeinsame Monate in der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, und ein paar Bilder. Das wird genügen müssen. Auch wenn unsere gemeinsame Zeit nur so kurz bemessen war, hat sie sich ihren Platz in meinem Herzen für immer erobert. Ich werde sie nie vergessen.

„I love you, Shaheda“, „yes,  and I love you too, Martin. Sleep well“

Farewell, my love!

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