Lockdown, Tag 170

Auch diese Woche ging irgendwie rum. Nachdem es seit Mittwoch wieder mal blies wie blöd, dieses Mal allerdings aus überwiegend nördlichen Richtungen und ohne antarktische Kälte und ohne Kohlenstaub mitzubringen, dafür warm und feucht, tauchte Jaques nach der erfolgreichen Montage des inneren Furlers und Vorsegels natürlich nicht wie vereinbart wieder auf, eigentlich hatte ich aber auch nicht ernsthaft damit gerechnet. Mit 15 bis 25kts Wind kein Wetter, um in den Mast zu klettern.

Ich habe die zweite Wochenhälfte damit verbracht, ein bischen an der Windgererator-Steuerung rumzufummeln (die jetzt u.a. ein völlig sinnloses Web-Interface hat, um die Windgeneratoren bei Bedarf auch mittels Telefon ode iPad ein- oder ausschalten zu können :-)), habe ein paar weitere Kabel verlegt und warte jetzt eigentlich drauf, daß John endlich mit meinem vor Wochen bestellten Ersatz-Batteriemonitor ankommt.

Der Sonntagmorgen fing sonnig an, und abgesehen von ein bischen viel Wind, sah es vielversprechend aus. In der Tat stieg die Temperatur im Lauf des Tages bis auf über 35°C, was zusammen mit dem Wind recht erträglich war, also habe ich den Tag im Cockpit verbracht und da ich keinen Bock hatte, nach Peters Tod allein beim Thai rumzusitzen, fiel der Lunch heute weitgehend aus, und wurde durch einen Obstsalat mit ein bischen Eis am Stiel ersetzt.

Jetzt, wo eine der Kühlboxen als Gefrierschrank herhalten muß, kann es auch mal spontan Eis an Bord geben.

Wo ich schonmal im Cockpit war, fing ich zwei Razorbellies, piekte einen davon auf ein Garrick-Vorfach mit zwei Haken, und ließ ihn hinterm Boot schwimmen. Eine ganze Weile passierte gar nichts, aber kurz vor zwölf sprang meine Angel aus der Auflage, die ich auf die Windfahne gebastelt hatte, bog sich durch wie ein Flitzebogen, und irgend etwas zog Meter um Meter Schnur ab. Ziemlich zügig, und ziemlich gleichmäßig.

Ich sah mich um, ob vielleicht eins der hier reichlich durchfahrenden Angelboote meine Schnur aufgepickt hatte und jetzt meinen Köderfisch hinter sich herzog, aber da waren keine. Also stieg ich auf die Badeplattform, griff mir die Angel, nahm sie aus der Halterung, als gerade mal ein Augenblick Ruhe in der Schnur war und wäre im nächsten Moment fast über Bord gegangen, als das Viech wieder anfing zu ziehen. Was immer das war, es war entweder mächtig groß, oder aber zumindest extrem kraftvoll.

insgesamt wurden mir fast 80% meiner Schnur, gute 100m gegen die recht fest eingestellte Bremse abgezogen, bevor ich ernsthaft anfangen konnte, den Rückwärtsgang einzulegen und das Ding zu mir herzukurbeln, immer wieder unterbrochen durch wilde Fluchten in alle möglichen Richtungen.

Nachdem ich ungefähr 50m wieder eingeholt hat, machte es bei einer dieser Fluchten irgendwann „Knack“, und das Keramik-Inlet vom unteren Ring der Angel hing lose auf der Leine: Abgebrochen. Eine halbe Minute später knackte es erneut, und die mitgebrachte (und zugegeben sicher 30 Jahre alte) Hecht-Tele-Rute brach in der Mitte durch. War wohl ein wenig überfordert.

Meine festen  Arbeitshandschuhe sind irgendwo in einer der Achterkabinen untergegraben, die zu suchen hätte zweifellos zu lange gedauert, irgendwelche Gliedmaßen gedachte ich allerdings auch nicht zu verlieren, also habe ich die Schnur zunächst drei, vier Mal um den Bootshaken gewickelt um ein bischen Entlastung zu haben, und dann in 8-10  Wicklungen um eine der Genua-Winschen.

Damit ließ sich das Getier rankurbeln. Jedenfalls bis auf ungefähr 7m vor dem Boot. In dem Moment, als ich die Pose langsam an der Oberfläche erscheinen sah, machte es Pitsch, und ab war’se, die Schnur. Ärgerlicherweise, bevor ich auch nur erkennen konnte, was da eigentlich am anderen Ende hing, geschweige denn, ein Foto machen zu können.

Nach der Erfahrung mit dem Rochen vor einigen Wochen würde ich mal mutmaßen, dies war dessen Uronkel oder ähnliches. Auf jeden Fall deutlich größer, als der letzte. Der war zwar auch anstrengend einzuholen, aber lange nicht so wie dieser. Und auch der fast anderthalb Meter lange Dusky Cob, den ich als erstes gefangen hatte, hat dramatisch weniger Gegenwehr geleistet als dieses Viech.

Mag natürlich auch irgendwas ganz anderes gewesen sein. Im Juli haben sie hier vom Ufer aus, einen Kilometer stromaufwärts des Yachtclubs, einen Zackenbarsch mit über 100Kg gefangen. Vielleicht war dies ja auch so ein Trum.

Auf jeden Fall, war es irgend etwas ohne ernsthaft scharfe Zähne, denn ich hatte, wie erwähnt, mit einem Garrick-Rigg geangelt, also nur mit zwei gestaffelten Einzelhaken an einem 0.75er Nylon-Vorfach, ohne Stahl-Vorfach. Ein Hai oder ähnliches hätte die Schnur mutmaßlich direkt durchgebissen, statt erst eine halbe Stunde mit mir rumzuspielen.

Das zweifelhafte Vergnügen hatte ich dann ein paar Stunden später. Nachdem ich eine weitere Angel fertig gemacht und meinen verbliebenen Razorbelly aufgefädelt hatte, schwamm er eine ganze Weile unbehelligt hinterm Boot umher, und ich sah mehr zufällig gerade hin, als auf einmal die Pose knapp hinterm Boot für ein paar Sekunden schlagartig abtauchte, um dann wieder aufzutauchen, bevor auch nur die Schnur gespannt war, oder gar der Bißanzeiger ausgelöst hätte. Dass sie nur noch platt auf dem Wasser lag, anstatt ordentlich aufrecht zu schwimmen, deutete darauf hin, daß mein Köderfisch wohl nicht mehr da sein würde. 

War er dann auch nicht. Ein dreiviertel Milimeter starkes Nylon-Vorfach mit 60Kg Tragkraft, glatt oberhalb des des oberen Hakens abgebissen, ohne daß die Rute auch nur gezuckt hätte. Doll.

Somit wieder kein essbarer Fisch, dafür eine (alte) Angel und ein elektronischer Bißanzeiger auf der Verlustliste (der bei der ersten Aktion Mittags direkt über Bord gegangen war und jetzt wohl irgendwo unterm Boot liegt, allerdings auch nur umgerechnet 8,-€ gekostet hatte). Nu ja, war trotzdem ein interessanter Angeltag. 🙂

Da ich zum Frühstück nur noch ein einzelnes Ciabatta-Brötchen gehabt hatte und Fische kurbeln irgendwie hungrig macht, verzog ich mich zur Kaffeezeit in die Pantry, schlug ein bischen Sahne, und steckte die erste der beiden gestern eingekauften „Belgian Waffles“ in den kleinen Ofen. Die restlichen Erdbeeren drauf, Sahne drauf, war mal lecker. 

Eigentlich wollte ich noch zwei Stücke Banana-Loaf essen, war aber vorher schon total satt. Keine Ahnung, was die in diese Waffeln tun, aber ganz viel mehr als eine ißt man davon nicht. Aber vielleicht fängt auch nur mein Magen wieder an zu schrumpfen …

Seit ein paar Wochen chatte ich hin und wieder mit Shahedas beiden besten Freundinnen auf WhatsApp. Heute kam von Nawaal, einer der beiden, die Ansage, sie hätte sich mit einer weiteren von Shahedas Freundinnen unterhalten, die wiederum mit einer von Shahedas Schwestern Kontakt gehabt hat. Demzufolge ist Shaheda letzte Woche eingeäschert, und ihre Asche über dem Signal Hill in Kapstadt verstreut worden. Warum, wußte keine von den beiden  so recht, aber vermutlich wohl, weil sie begeisterte „Hikerin“ und Läuferin in der Gegend gewesen war.

Signal Hill (rechts) und Lion’s head, vom Tafelberg aus gesehen

Das macht meinen ursprünglichen Plan, vor meiner endgültigen Abfahrt aus Südafrika wenigstens einmal ihr Grab zu besuchen und sowas wie eine kleine Farewell-Zeremonie zu veranstalten, mangels Grab einigermaßen hinfällig. Andererseits hatte ich gerade gestern die vorletzte Episode des „Sailing Lady Africa“-Vlogs gesehen, in der Ricky und Simone Tandem-Paragliding vom Signal Hill machen und hatte mir daraufhin vorgenommen, da auf jeden Fall auch mal hin zu wollen. Sollte man wohl mal mitgenommen haben, wenn man schon in Capetown ist.

Nur, falls sich irgend jemand wundert: Ja, man kann beste Freundin sein und trotzdem nicht zur Bestattung anwesend sein, weil einem niemand Bescheid gesagt hat. Diese Familie ist, wie mehrfach erwähnt, sehr verschlossen gegenüber Außenstehenden. (Ganz vorsichtig ausgedrückt)

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