Allein allein …

So, nu isser wech, der Andy. Nach Wochen des Müßiggangs und Schlafens bis irgendwer ans Boot klopft, hat selbst das mit dem Wecker heute morgen funktioniert und nach einem kurzen Frühstück habe ich ihn pünktlich  um 7h15 in Richards Bay am Flughafen abgegeben. Da ich in den letzten 12 Stunden nichts mehr von ihm gehört habe, gehe ich mal davon aus, daß er es bis Jo’burg  und danach bis Kapstadt geschafft hat und inzwischen im Flieger nach Frankfurt sitzt.

Kurz nach acht war ich wieder am Boot und erstaunlicher Weise waren Eric und sein Copilot tatsächlich schon da, und entblätterten die Luken erneut von der gestern mühsam applizierten Abdeckfolie, vermutlich um dann heute die Decks zu lacken. Angesichts des halbwegs regnerischen Wetters mit Böen um 5-6 bft in meinen Augen eine eher zweifelhafte Aktion. Nachdem sie hier vier Stunden lang zu zweit rumgefummelt (und in der Zeit die Achterkabinen zumindest ansatzweise von Schleifstaub, Abklebefolie und sonstigen Hinterlassenschaften befreit hatten), wurden die beiden Lukenschächte dann auch unverrichteter Dinge wieder wetterfest zugetaped und ich hatte das Boot für mich allein.

Erste Aktion war, die inzwischen völlig zerfledderten geflochtenen Holzvorhänge vor den Kabinen abzubauen und zu entsorgen. Die labbrigen Dinger gingen mir schon lange auf den Keks und jedesmal wenn man eins davon bewegte, löste es sich weiter in seine Bestandteile auf. Die sahen im Urzustand sicher mal sehr folkloristisch aus und mögen ja auch irgendwie zum Boot gepaßt haben, aber ganz normale Vorhänge werden den Zweck künftig wohl auch erfüllen.

Als nächstes ging es daran, Andys verwaiste Kabine leerzuräumen, um Platz für die ganzen Metro-Kisten zu schaffen, die bis heute Morgen noch die gesamte Navi-Ecke versperrten und dauernd im Weg standen. Nachdem ich als erstes die Matratze rausgeworfen hatte,

Man konnte ja hören, daß er unruhig schläft, aber soo unruhig 🙂 Das im Vordergrund ist übrigens einer der todschicken Flechtvorhänge im Endstadium der Auflösung befindlich.
Koje der Backbord-Kabine. So ohne Matratze ist da erstmal richtig viel Platz drin.

ist jetzt in der Backbordkabine das Lager eingezogen und der Inhalt der Kisten mittlerweile tatsächlich nach Werkzeug, Farben/Lacke/Spachtel und Malutensilien, noch einzubauende Navi-Elektronik, sonstige Bootsteile usw. sortiert. Die Chance, jetzt irgend etwas wiederzufinden ohne sich jedesmal erst durch 8 Kisten wühlen zu müssen, sind gerade beträchtlich gestiegen, solange man weiß, wonach man eigentlich sucht 🙂

Jetzt nicht mehr. Dafür hat die Übersichtlichkeit über den Kisteninhalt sich deutlich verbessert.

Dafür habe ich jetzt in den vier Kabinen an Bord lediglich noch ein einziges benutzbares Bett. Weitere potentielle Besucher müssten sich dann wohl eine Hängematte mitbringen und unter den Solarpanels oder alternativ auf der Salonbank schlafen 🙂 Egal, die Matratzen sollten ohnehin irgendwann neu, und jetzt war die Gelegenheit, eine weitere davon los zu werden.

Irgendwann gegen 14 Uhr hatte ich dann auch die Berge von Geschirr abgewaschen, die sich hier aufgetürmt hatten, die Pantry aufgeräumt, und die Deutungshoheit über meinen Kühlschrank zurückgewonnen, der in den vergangenen Wochen definitiv exclusives Smut-Territorium gewesen war. 

Ich lag noch keine  fünf Minuten auf meiner Koje, um ein wenig meditative Augenpflege zu betreiben, als Brad vor der Tür stand, um mit einem weiteren Satz Fensterausschnitt-Schablonen unterm Arm vor dem Aussägen der echten Teile nochmal die Passgenauigkeit zu kontrollieren. HAH! Prompt fand er einen Ausschnitt, der in der Tat ziemlich seltsam aussah, und bei dem ganz offensichtlich der Zuschlag von +15mm nicht im Maß enthalten war. Nur gut, daß ICH nur derjenige war, der die Maße aufgeschrieben hatte, die mir Andy  als ausführendes Meßorgan zugerufen hatte. 🙂

Das mit der Meditation hatte sich daraufhin erledigt, und nach einer Bestandsaufnahme vom Inhalt des Kühlschranks und der Vorrats-Schapps, folgte ein Kurzbesuch beim Pick’n’Pay in Meerensee, um fehlende Vorräte für die nächsten Tage zu ergänzen. Nachdem ich nach meiner Rückkehr spontan noch die Dachgepäckträger des Sharans abgebaut hatte, um nicht doch noch Gefahr zu laufen, irgendwann an einem der Boote hängen zu bleiben, um die ich künftig ohne Einweiser  rumzirkeln muß, führte ich mir zur Feier des Tages den Rest des gestern übergebliebenen Champignon-Creme-Eintopfs á la Andy zu Gemüte.

Abendesssen fällt heute aus, nun ist auf jeden Fall erstmal Schluß mit der Völlerei. Jeden Tag warm essen wird definitiv überbewertet. Ich schätze, eine meiner nächsten Anschaffungen wird wohl eine Waage werden. In den ersten Tagen unseres Hierseins waren mir fast alle meine Hosen runtergerutscht, was mich zur Anschaffung eines Gürtels zwang (das erste Kleidungsstück seit Jahrzehnten, das ich  in „L“ gekauft habe und das dann tatsächlich paßte 🙂 ), momentan komme ich allerdings auch ohne aus….

Da wir den letzten Gin gestern gemeinsam vernichtet hatten, die Thelxinoe seit heute und bis auf weiteres  bewußt zur „Bierfreien Zone“ deklariert ist und ich den Bacardi Oakheart als einzig an Bord verbliebenen Alkohol für medizinische Zwecke erstmal ganz weit nach hinten ins Vorats-Schapp verbannt habe (Rotwein hat ja bekanntlich keinen Alkohol), sah mich Greg vom Nachbar-Kat dann auch ein wenig ungläubig an, als ich meinen ersten Solo-Sundowner völlig alloholfrei mit einer Cola zelebrierte, bis es duster und ungemütlich frisch wurde und ich mich lieber nach drinnen verzog.

Nun sitz ich hier also, völlig allein und von allen verlassen, 9500 Km von zu Hause weg im winterlichen und dunklen Afrika auf meinem Kahn, und niemand wirft mir mehr blöde Sprüche an den Kopf oder liest mir aus der Dewezet vor. Schnüff …

Nein, ernsthaft: Ich find’s toll, daß Andy sich spontan bereit erklärt hatte, mich direkt nach meiner Chemo-Therapie für sieben Wochen hierher zu begleiten, und bin dankbar für alles, was er in dieser Zeit so erledigt hat. Dank ihm habe ich mittlerweile eine funktionierende 230V-Stromversorgung an Bord, die nur noch ein paar weiterer Schalter und Steckdosen bedarf, er hat sich um mich gekümmert, wenn ich mental oder physisch  mal down war und durch seine bloße Anwesenheit verhindert, daß ich aufgrund der hier teilweise völlig planlos rumwerkelnden lokalen Handwerkskoryphäen ausraste, und hat mir damit diese Eingewöhnungszeit sicher deutlich erleichtert. Und außerdem hat er auch noch jeden Tag gekocht, ob ich wollte oder nicht. Danke dafür, Andy. 🙂

Aber schließlich war von vorn herein klar, daß das eine zeitlich eng begrenzte Aktion war und ich schlußendlich auf mich selbst gestellt sein würde. Ich hab’s ja nicht anders gewollt.

Auch wenn ich beim derzeitigen Tempo des „Baufortschritts“ so meine Zweifel habe, daß diese Kiste es wie eigentlich geplant bis Ende Oktober tatsächlich ins Wasser schafft, bin ich immer noch guter Hoffnung, den Kahn eines  nicht all zu fernen Tages endlich seetüchtig zu haben und hier die Leinen loswerfen zu können, um dann ganz prosaisch in die Welt hinaus zu segeln.

Und wenn Dich Babsi dann nochmal wegläßt, besteht die Chance, daß wir nach den letzten drei „Bootsurlauben“, die statt Bootfahren eigentlich fast nur aus Basteltagen bestanden, vielleicht doch noch irgendwo bei Sonnenuntergang im Cockpit sitzen, auf türkises Wasser starren, unseren Sundowner schlürfen, und einfach mal nichts am Boot zu tun ist… (oder jedenfalls nicht mehr viel). Ob das dann in der Karibik oder möglicherweise auf Madagaskar oder vor der Küste Mozambiques passiert, ist dabei ja erstmal unerheblich.

Ich bunkere dann auch vorsorglich ein paar Dosen Bier und eine neue Flasche Bombay Sapphire …