Aufgerissen!

Will mich nicht mal irgendjemand aufheitern? So allmählich geht mir nicht nur das Wetter hier auf den Sack, sondern die ganze Situation. Fühle mich gerade tierisch angenervt…

Heute morgen fand immerhin der Dauerregen ein Ende, auch wenn es mit 15° noch einigermaßen unterkühlt, aber wenigstens sonnig und einigermaßen windstill war, fast so als wär nie was gewesen. 

Zeit, nach drei Tagen „Einschluß“ mal die Tür aufzumachen, alle Luken und Portlights zum Durchlüften aufzureißen und nachzusehen, ob die Welt noch da ist. War sie, auch wenn unter den Booten ringsum immer noch mehrere cm hoch Wasser stand, das sich erst im Laufe des Tages dann irgendwie verflüchtigte.

Gegen 8h30 stand trotzdem Eric vor der Tür, um die zulaminierte Luke zu spachteln und zu schleifen. Ich hatte mich ja vor ein paar Tagen schon mit Brad darauf verständigt, daß es eine relativ sinnlose Idee wäre, jetzt schon irgendwas lackieren zu wollen, also zog er wieder ab, nachdem er mit den Grobarbeiten fertig war.

Nachdem ich jetzt die Luke im Badezimmer aus meinem Seitendeck gesägt habe und einen genaueren Blick auf den Operationsbereich werfen konnte, stellte sich raus, daß die Decks des Katamarans im Gegensatz zu denen der Virgin Wood in diesem Bereich keinen Hartschaumkern haben, sondern einen massiven Kern aus einer 16mm Multiplex-Platte, mutmaßlich seewasserfest verleimt, plus innen und außen jeweils 3-4mm mit GFK verstärkt sind.

So sieht mein Deck von innen aus.

Dazu kamen noch rund 15mm auflaminiertes „Coaming“, also der eigentliche Flansch mit, wie mir Brad stolz berichtete, extra mit Harz verstärkten Bereichen um die Schraubenlöcher. Umso unverständlicher, wieso diese Hanseln dann in den Achterkabinen die von unten frisch gespachtelten, grundierten und lackierten Bereiche um die Luken  komplett durchgebohrt und dann 5x50er Gewindeschrauben durchgesteckt haben, um sie von unten zu kontern! Selbstverständlich waren die Schrauben massiv zu lang und mußten wieder abgesägt werden. Also habe ich jetzt in den, selbst  im Eingangsbereich nur knapp 180cm hohen, Achterkabinen direkt im Laufweg jede Menge potentieller Skalpfänger aus der Decke gucken.

Mir fehlt echt jedes Verständnis für diese Art der Arbeit. Auf näheres Nachfragen hieß es von Brad nur, das würden sie halt immer so machen und so sei es ja auch vom Lukenhersteller vorgesehen. Und außerdem käme ja noch ein Plastik-Innenrahmen drunter…

Mit extra langen Schrauben durchgeschraubt, damit sie auch durch das 35mm dicke Deck gehen …

Natürlich hat mich gestört, daß alle ab Werk verbauten Decksluken aus einem simplen GFK-Rahmen ohne auf Deck geschraubten Gegenpart bestanden, die Scheiben mit gerade mal 4mm in Silikon gesetztes Plexiglas lächerlich dünn waren, und das Ganze jeweils nur mit insgesamt vier 5x16mm Holz-Schrauben an einem 2mm „massiven“ Schranktürscharnier platt aufs Deck gespaxt worden war, deswegen wollte ich ja neue haben.

Aber ganz ehrlich: Dies hier ist einfach völlig bescheuert! Wenn ich nun schon mal über 35mm starkes, stabiles Material habe und die Luken darin ohnehin mit Sikaflex eingeklebt werden, dann nehme ich zum (eh mehr symbolischen) Festschrauben entweder 5x25er Edelstahl-Spaxschrauben, oder, wenn man’s ordentlich machen will, entsprechende Messing-Holzdübel und 5mm Gewindeschrauben. Da fange ich doch nicht an, das komplette Deck wieder zu durchlöchern mit der (wie gerade an der Luke im Salon gesehen) bestehenden Wahrscheinlichkeit, daß Spritz- oder Regenwasser an den Schrauben entlang irgendwo nach innen läuft und rumtropft oder, wenn man das Pech hat, daß es eben nicht ganz bis in den Innenraum läuft, dazwischen stehen bleibt und irgendwann den Holzkern des Decks in Torf verwandelt!? Aaaarrghhhh….

Ja, das ist hier Afrika, und ja, die machen das sicher nicht zum ersten Mal, aber deswegen kann man’s doch trotzdem so machen, daß es auch optisch so halbwegs gefällig ausfällt. Aber dieses Phänomen ist eindeutig nicht auf den Aftermarket beschränkt, sondern war offenkundig auch damals in der Werft schon nicht anders.  Kein Wunder, daß die irgendwann Pleite gingen, wenn sie alle ihre Boote so auf den Weltmarkt geworfen haben und dann gegen das Finish von Herstellern wie Lagoon oder Fontaine Pajot anstinken mußten.

Wenn ich mir die Verarbeitungsqualität meines Bootes so ansehe, so ist das zwar alles wirklich extrem massiv gebaut, wie einem ja auch von jedem Halbwegs-„Auskenner“ bestätigt wird, mit dem man sich über diesen Dean 365 unterhält, aber von übertriebener Paßgenauigkeit oder irgendwelchen filigranen oder auch nur dezenten Lösungen hat hier offenbar nie jemand was gehalten. Diese Dinger wären der Albtraum jedes Spaltmaß-Fetischisten in der Endkontrolle der (deutschen) Autoindustrie gewesen. Im ganzen Boot gibt es vermutlich keinen einzigen rechten Winkel (oder auch nur zwei symmetrische), kein Scheibenausschnitt ist wie der andere, die mittlere Luke auf der Steuerbordseite saß einen halben Meter weiter vorn als die an Backbord und damit mitten über einer Innenwand usw usw. Hauptsache, hält und geht nicht unter,  Optik wird auch definitiv überschätzt ….  

Man fühlt sich schon irgendwie an einen antiken Lada oder Willys Jeep erinnert.

Aber vielleicht sehe ich das als eremitierter Deutscher  ja auch nur zu eng und sollte meine ästhetischen Ansprüche einfach den Gegebenheiten anpassen, wenn ich mein Nervenkostüm noch länger nutzen will. Ich wußte ja, daß ich kein Design-Boot kaufe, sondern einen 25 Jahre alten, allseits als äußerst zuverlässig, massiv und stäbig beschriebenen „Trecker“.

Also: Scheix auf Optik! Ab morgen pfusche ich eben auch selbst und passe mich dem Trend an 🙂 Genauer gesagt, habe ich sogar schon heute damit angefangen, und die beiden 20mm-Löcher neben dem Mastfuß nur von oben und unten mit neuem Duct-Tape zugeklebt, statt sie wie angekündigt auch noch mit Silikon zu füllen. Wird für die (hoffentlich nur noch) paar Wochen jetzt auch so dichthalten müssen.

Kabeldurchführungen neben dem Mastfuß

Wo ich das Tape schon mal in der Hand hatte, habe ich auch die Löcher der Genua-Schienen wieder abgedeckt. Die tropfende Luke im Salon habe ich allerdings dezent als Garantiefall bei Brad reklamiert, der sie auch prompt  umgehend von Eric neu abdichten ließ.

Irgendwann tauchte auch Andries am Boot auf. Der war offenbar die Tage von mir unbemerkt hier gewesen, hatte die Maße genommen, mit einem gefrästen „Dummy“-Adapter aus Holz die Passung geprüft und teilte mir nun freudestrahlend mit, er hätte das echte Alu-Teil zum CNC-Fräsen in Auftrag gegeben und würde Mittwoch damit zum Anpassen wiederkommen. 8-O

Irgendwie sind die hier alle gleich: Die kommen gar nicht auf die Idee, daß es einen als Kunden vielleicht vorab mal interessieren könnte, was das fertige Ding denn wohl kosten mag. Es gab keinen verbindlichen, schon gar keinen schriftlichen Auftrag, nichtmal „mit Handschlag“, denn ich wollte, bevor er irgend etwas anfängt wissen, was mich denn wohl so erwartet. Alles was bislang passiert war, war ein Gespräch am Motor, das Ermitteln der Größe und seine Aussage: „Ich kalkuliere das mal und sag dann Bescheid“. Auf Nachfrage kam heute immerhin die Ansage „so um die 4.500 Rand“.

Naja, wenn’s denn paßt und funktioniert; von mir aus. Schließlich brauche ich irgend so ein Ding, wenn ich mit diesem Motor und Antrieb jemals hier wegkommen will, und mit 280,-€ ist es immer noch fast 2/3 billiger, als die von Morgan besorgte, völlig verhunzte Getriebeglocke, wegen der er sich übrigens immer noch mit VolvoPenta rumschlägt und angeblich Anfang nächster Woche Anzeige wegen Betrugs erstatten will, wenn sich VP bis dahin nicht zu einer Rücknahme hinreißen läßt und die Kohle erstattet. Trotzdem: Handwerker haben hier teilweise ein arg merkwürdiges Geschäftsgebaren.

Eigentlich hatte ich heute Mittag gar keinen richtigen Hunger, sondern nur so einen kleineren Durchhänger, aber im Kühlschrank lag noch ein Salatkopf, bischen anderes Rohmaterial und ein geräuchertes Hähnchenbrustfilet vom letzten Einkauf rum,  also bastelte ich mir wenigstens einen Salat. Damit Andi sagen kann, ich hätte bei ihm auch was gelernt, sogar mit Foddo:

War dann prompt zuviel für einmal, also habe ich die Hälfte davon noch für morgen übrig. Allerdings stellte ich irgendwann später fest, daß mein erst drei Tage altes „Portugiesisches Brot“, das eigentlich eher so eine Art ungeflochtener Hefezopf ist, diverse kleine grüne Punkte aufwies, also stehe ich momentan ohne Brot da. Hat vermutlich die ~80% Luftfeuchtigkeit der letzten Tage nicht so gut vertragen. Entweder muß ich morgen doch nochmal einkaufen, oder ich hole den Brotbackautomaten aus der Garage und backe mein erstes afrikanisches Bord-Brot. Mal sehen…

2 Gedanken zu „Aufgerissen!“

  1. Moin Martin,

    vielleicht hättest Du Dir doch besser einen neuen Alu-Kat bei der Lürssen-Werft in Lemwerder bauen lassen. Da hätten dann auch die Spaltmaße garantiert gestimmt. Habe mich jetzt mal angemeldet und werde Deine Berichte von jetzt an gelegentlich kommentieren.

    Gruß Michael

    1. Moin Michael,

      ich fürchte, Lürssen ist nicht ganz meine Preisklasse 🙂 Spaltmaße hin oder her, ich habe nun mal ein 25 Jahr altes Plasteboot gekauft und muß sehen, wie ich damit klarkomme. Auch wenn ich meinen ursprünglichen Zeitplan aller Voraussicht nicht einhalten werde (habe ich eigentlich schon erwähnt, daß die hier alle so ein ganz klein wenig lahmarschig sind?): Madagaskar und die Küste von Mozambique sollen ja auch sehr schön sein und deutlich schneller zu erreichen …

      Und ja: Kommentier ruhig hin und wieder. Zeitweilig hatte ich schon den Eindruck, ich könnte genau so gut auch in ein Tagebuch schreiben >:-)

      mfg
      Martin

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