Lockdown, Tag 160

Damit das hier nicht den Eindruck erweckt, ich würde neuerdings nur noch rummeckern: Nein, hin und wieder erlebe  ich her auch Tage, an denen tatsächlich mal was funktioniert. Heute zum Beispiel war so einer.

Angefangen damit, daß ich erst kurz vor acht und ziemlich ausgeschlafen aufwachte ohne daß mir mal irgend etwas weh tat, und dabei in einen strahlend blauen Himmel blickte, war es bereits um die Uhrzeit angenehm warm und staubtrocken. Zwei Scheiben Toast zum Frühstück verhaftet, und als nächstes wurde (endlich) die Waschmaschine angeschmissen. Just in Time, sozusagen, denn mein Vorrat an sauberen Shirts und  Slips endete genau heute morgen.

Kurz nach halb neun stand John vor dem Boot, ein strahlendes Grinsen im Gesicht, wünschte mir einen wundervollen guten Morgen und überreichte mir das neue Solarpanel, auf das ich seit Wochen gewartet hatte. (Man erinnere sich: Irgendwann in den letzten Monaten hatte ich durch eigene Blödheit eines der Panel vom Dodger verloren, weil die noch nicht aufgeschraubt, sondern nur mit Ducttape fixiert waren. Eines Nachts hatte eine Böe die Hälfte davon losgerissen und am nächsten Morgen war von einem Panel nur noch die Kabelage da. Direkt vom Panel abgerissen. Der Rest lag mutmaßlich irgendwo unterm Boot. Zumindest habe ich es nie wiedergefunden)

Eine Stunde später klingelte mein Handy, und der Fahrer vom „Courier Guy“ meldete sich, er hätte ein Paket für mich.

Kurze Zeit später stand er auf dem Platz, und ich konnte den Empfang meiner beiden neuen Solarregler quittieren.

Also habe ich mein „Charger-Modul“ von Solar, Windgeneratoren und Akkupack abgeklemmt, ausgebaut, und mich dann die nächsten zwei Stunden damit beschäftigt, die neuen Regler auf die letzte Betriebssystemversion upzudaten und zu konfigurieren, meine drei Klein-Batterien zu laden und den Tag im Cockpit zu geniessen.

Diese Namensgebung bei Victron ist teilweise durchaus verwirrend. Die als „BlueSolar“ bezeichneten haben wider Erwarten gar keine integrierte Bluetooth-Funktion, sondern sind einfach nur blau und können Bluetooth nur mit einem externen Dongle. Die mit „SmartSolar“ benamsten können das hingegen auch ohne …

Interessanterweise funktioniert jetzt auch der „alte“ MPPT 100/30-Regler wieder, der sich die letzten Tage komplett verweigert hat, selbst nachdem ich ihn ausgebaut und testweise an eine der kleinen Batterien gehängt hatte. Keine  Ahnung, was da nun das Problem war oder ist, aber nachdem ich den ab- und testweise wieder angeklemmt hatte, schrie er nach einem Update. Und seit ich ihn „geupdatet“ habe, läßt er sich jetzt sogar auf LiFePo4-Akkus vorkonfigurieren, was vorher nicht ging und manuelle Einstellungen erfordert hatte.

Inzwischen waren fast 30°C, meine Wäsche hing zum trocknen, und da der Rest meines Toastbrotes bei nochmaligem Hinsehen diverse grünliche Tupfen aufwies (was mir natürlich erst nach dem Frühstück aufgefallen war), fuhr ich zum PnP zum Einkaufen.

Büschen Obst, Brot, Ciabatta-Brötchen und Kaffee, fertig. Und da ich ja derzeit eher selten Mittag koche, und eigentlich auch heute überhaupt keine Lust zum Kochen hatte, habe ich auch gleich noch ein Fertig-Huhn mitgenommen. Huhn geht immer. Reicht mir normalerweise für drei Tage, und dann ist Sonntag und Thai-Lunch mit Peter angesagt.

Werden Hühner eigentlich zu den Paarhufern gerechnet?? Zwei Beine auf Ciabatta zum Lunch.

Dank dieser recht ekligen Witterung die ganzen letzten Tage bzw. eher Wochen, war ich musiktechnisch ein wenig tätig. Hier mal zwei Tracks, die in den letzten Wochen so entstanden sind. Das sind simple MP3-Dateien. Ein Klick auf das Bild verlinkt zur Datei.

Nicht sonderlich fröhlich, eher ein Dialog zwischen zwei Saxophonen.

Und gleich noch einer:

Ja, der ist ein bischen früh dran, ich weiß. Brasilien steht für irgendwann auf dem Plan, aber vermutlich erst 2021/22. Mir war den Tag halt ein wenig „brasilianisch“, nachdem ich Tags zuvor den eher schwermütigen Song gebastelt hatte.

Also, nicht alles ist schlecht hier. Hin und wieder habe ich auch mal Tage, die einfach nur richtig gut sind und Spaß machen. Und ganz ehrlich: Ich will hier nicht nur rumhängen und Trübsal blasen. Wenn ich meine Tage und Abende nur damit verbrächte, über Shaheda und mich nachzugrübeln, würde ich früher oder später wohl abdrehen. Sie ist, natürlich, immer noch sehr präsent in meinen Gedanken, das wird auch zweifellos so bleiben.

Aber in den zweieinhalb Wochen, die seit ihrem Tod vergangen sind, habe ich, nachdem ich in der ersten Woche zu fast überhaupt nichts Sinnvollem imstande war, meine Gedanken und Erinnerungen niedergeschrieben, habe dasselbe nochmal umfassend für ihren Ex-Mann getan und den mit fast 9.500 Worten mit Abstand längsten Blogeintrag in der Geschichte dieses Blogs nur für ihn verfasst, und so ganz langsam fange ich an, wieder nach vorn zu blicken und ohne sie zu planen.

Sie wird mir fehlen.  Immer. Aber sie ist tot, und sie kommt nicht wieder zurück. Manchmal wache ich nachts auf, und realisiere nach einem Augenblick, daß der Platz neben mir leer ist. Und mit der Erinnerung drängt die Trauer zurück in mein Bewußtsein. Dann kann ich genauso gut auch gleich aufstehen, frühstücken, und mir die Zeitung runterladen um mich abzulenken, auch wenn draußen noch alles still und duster, und es vielleicht erst halb vier ist.

Tage wie heute helfen. Solange ich draußen was machen kann, es nicht den ganzen Tag über trüb, kalt und regnerisch ist, bin ich abgelenkt.

Titelbild: Still ruht der See. Kurz nach Sonnenuntergang heute Abend war es warm, friedlich und ziemlich still hier. Da ich mein schimmeliges Toastbrot eh loswerden mußte, habe ich hinterm Boot angefüttert, und zwei Moonies (ungenießbar), einen Karrentin (zu klein für die Pfanne) und tatsächlich meinen ersten Mullet gefangen. Der war zwar gut einen halben Meter lang und recht schwer, aber da ich neulich gelesen hatte, daß das Aasfresser sind und die hier auch  niemand sonst ißt, habe ich ihn wieder reingeworfen. Um als Köderfisch für irgendwas Schmackhafteres herhalten zu können, war er auch deutlich zu groß. Aber saumäßig vorsichtig sind sie, und in der Größe macht es auch Spaß, sie zu fangen. Ganz besonders, wenn sie an einer fisseligen 0.17er Schnur mit nur 2Kg Tragkraft gebissen haben, die eigentlich nur für halbpfündige Sardinen gedacht war 🙂

Nur einen Garrick, den habe ich bis heute noch nicht gefangen, obwohl ich hier, wann immer es geht, einen Razorbelly fange und an der langen Leine hinterm Boot rumschwimmen lasse. Tröstlicherweise fängt hier derzeit eigentlich auch sonst niemand irgendwas sinnvolles, muß also nicht unbedingt an mir liegen.

Dafür habe ich heute, erstmals seit fast 4 Jahren, wieder einen Delphin im Hafen rauben sehen, knapp 10m hinter dem Boot. Mutmaßlich auf der Jagd nach Razorbellies. Ich war leider knapp zu  langsam mit der Kamera, und nach kürzester Zeit war er wieder verschwunden.

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