Wind of Change

Das ist hier echt wie Karusellfahren: In wirklich jeder von mir bisher gelesenen Beschreibung von Leuten, die hier mal die Küste rauf oder runter gesegelt sind, war die Rede davon, daß man ein passendes Wetterfenster braucht. Abwarten, bis das aus Südwesten anrollende Tief durchgezogen ist, raus und bis zum nächsten sicheren Hafen segeln, die hier an der Küste allerdings nicht sonderlich dicke gesät  und auch schon mal zwei Segeltage oder mehr entfernt sind. In den paar Monaten, die ich jetzt hier wohne, wurde in der Tat meteorologischer Anschauungsuntericht vom Feinsten geboten. Normalerweise kommt der Wind irgendwo aus Nordwest bis Nordost, bringt warme Luft aus dem Landesinneren mit und ist von der Geschwindigkeit ziemlich harmlos bis kaum vorhanden. Wenn ein Tief vom Kap hochzieht, fällt innerhalb von 12h der Luftdruck um 10-30mbar, und wenn es uns erreicht hat, dauert es keine 10 Minuten, bis sich die Windrichtung um 180° gedreht hat, die Windgeschwindigkeit deutlich zunimmt auf durchschnittlich 20kts und die Temperatur um 10-15 Grad  fällt. Meistens in Verbindung mit Regen. Zwei bis drei Tage später ist der Spuk meist vorbei, das Tief durchgezogen und das ganze wiederholt sich in unregelmäßigen Abständen.  Inzwischen bin ich soweit, daß mein erster Blick Morgens und der letzte Abends routinemäßig auf das Barometer fällt. Wenn dann die Kopfschmerzen einsetzen, weiß ich wenigstens warum.

Nachdem es gestern Abend bzw. heute Nacht wieder mal soweit war, verhieß das für irgendwelche Arbeiten außen nicht viel Gutes und in der Tat wachte ich gegen 6h auf, weil mir der Regen auf’s Dach prasselte. Simon sah das wohl ähnlich und ließ sich heute morgen gar nicht erst blicken. War mir ganz recht, denn ich hatte ohnehin einen Termin für ein Gespräch mit dem Onkologen wegen des gestrigen Bluttests. Nachdem ich die gestern erwähnten vier Schrauben noch verbaut hatte und das Ladegerät nun ordentlich an seinem Platz in künftiger direkter Nachbarschaft zum Akkupack sitzt,

machte ich mich kurz nach 11h auf den Weg (im Gegensatz zu sonst ausnahmsweise mal in langer Hose und Fleecejacke. 21° ist vergleichsweise echt saukalt, wenn man den Tag vorher bei 40 verbracht hat 🙂 ), um zum x-ten Mal innerhalb von vier Wochen beim Telefonladen in der Inkwazi-Mall aufzuschlagen und wieder mal die Frontscheibe ersetzen zu lassen. Diesmal habe ich allerdings drauf bestanden, nicht wieder so ein güldnes Mädchen-Ding wie die letzten beiden Male verabreicht zu kriegen. Wahrscheinlich war das bei meinem Telefon einfach immer nur eine Abstoßungsreaktion… Eine Stunde später sollte ich das Fon wieder abholen können.

Also schnell noch beim Werzeug-Laden reingeschaut, um ein paar Orga-Boxen zu erstehen, um die ganzen Edelstahlschrauben und sonstigen Kleinteile, die sich hier in den letzten Wochen so angesammelt haben, mal an einem gemeinsamen Platz unterbringen zu können und nicht permanent irgendwelche Tütchen durchwühlen zu müssen. Außerdem habe ich nun endlich eine Werkzeugkiste gekauft um die „magische Handtasche“ zu entrümpeln.

Dann weiter zum Doc. Letztlich habe ich trotz Termin noch fast zwei Stunden da rumgesessen, bevor ich drankam, aber egal. Gegen   Verdursten und Verhungern gibt es im Wartebereich Mineralwasser, Kaffee, Tee und Rusks, und alle halbe Stunde läuft eins der Mädchen rum und fragt, ob es einen mit einem Sandwich erfreuen kann, die dann extra frisch zubereitet werden. Ist mir in Deutschland so irgendwie noch nicht untergekommen.

„Prof“, wie er von seinen Mitarbeiterinnen nur genannt wird, ist ein cooler Typ Ende 60, ehemaliger Rugby-Spieler nach den Fotos an der Wand in seinem Zimmer und gut drauf. Außerdem gilt er als „eine der  onkologischen Koryphäen Südafrikas“. Da mein Bluttest außer einem etwas zu niedrigen Hämoglobinwert keinerlei Auffälligkeiten aufzuweisen hatte, fragte er mich, ob ich rotes Fleisch esse. Das bejaht, gab er mir den fachärztlichen Rat, mehr Steaks zu essen, die würden ja viel Eisen enthalten 🙂 Alternativ kann ich natürlich auch meinen Diätplan um ein morgendliches Nutella-Brötchen ergänzen oder einfach die Eisentabletten nehmen, die er mir dann  zusammen mit dem angefragten 6-Monatsbedarf für meine Blutdruck-Medis verschrieb. Das war mal einfach.

Nachdem wir einen neuen Termin für Ende Januar vereinbart hatten „wenn ich denn dann noch hier bin, haha“, ging es wieder zurück zur Mall, um das Telefon einzusammeln. Inzwischen war es fast 15h30 und der Reparaturmensch war gerade zum Lunch, also bin ich auch spontan bei John Dory’s eingekehrt und habe mir ein paar Shrimps und ein Hake-Filet (eine Dorsch- oder Seehecht-Art) mit Miesmuscheln und Risotto bestellt, da ich morgens nur ein paar Cornflakes zum Frühstück gehabt hatte. War gut, und dank Fleecejacke bin ich dieses Mal auch nicht fast erfroren.

Als ich gesättigt zum Telefonladen zurückkehrte, war der Typ wieder da und die Scheibe tatsächlich  montiert. Die neue ist nun schwarz, und sitzt auch entweder einen viertel Milimeter tiefer im Gehäuse oder ist einfach dünner. Jedenfalls steht sie weniger über als die letzten beiden, und die Chance, damit wieder irgendwo hängen zu bleiben, sollte eigentlich geringer ausfallen. Mal sehen, wie lange das diesmal hält. (Und außerdem gefällt mir die Farbe deutlich besser und paßt auch besser zur Silikon-Hülle 🙂 )

Wenn ich das Ding jetzt nochmal kaputtmache, versenke ich es im Hafenbecken. Für das, was mich diese inzwischen 3 Scheiben gekostet haben, hätte ich bei ebay auch problemlos ein neues bestellen können…